Von Geiern, Schafen und alten Schotten

Es ist wieder mal so weit. Die kommenden vier Wochen sind bereits ausgebucht. Zwischen den Ausflügen mit der Familie, dem Beschäftigen der Kinder, den Einkäufen, Renovierungsarbeiten, Staubsaugen, ach so wichtigen Terminen und Kinobesuchen, soll auch noch der Job platz haben. Von den fies maskierten Zeiträubern Facebook, Instagram und Co. ganz abzusehen.

"Ich muss weg!", denkt man da schon mal gerne. Vornehmlich am stillen Örtchen.

Dem einzigen Platz, wo man heutzutage noch so richtig abschalten kann.

Vergesst Meditationsseminare in Indien, oder überteuerte "Floating Pools" in ebenso überteuerten Instyle-Metropolen.

Menschheit! - Setz dich auf´s Klo, entspann dich, und denk nach.

Ich denke nach. Lange. Intensiv. Ergiebig.

Als Ergebnis schnappe ich mir wenige Stunden später meine "Jungs". 

Wir müssen raus, konstatieren wir.

Sofort! 

Also Jacken an, Motor anwerfen, und raus aus dem Wintermief. 

Schnee hatten wir schließlich diese Saison genug.


Noch herrscht der Winter am Lago del Predil - dem Raibler See am Fuße der Julier.
Noch herrscht der Winter am Lago del Predil - dem Raibler See am Fuße der Julier.

Schon das Überqueren der Grenze zu Italien lässt maximale Urlaubsgefühle aufkommen. 

Obwohl es schneidend kalt ist, am schattigen Fuße der Julier.

Der frühe Märzwind hat immer noch den Nordpol im Gepäck.

Im Inneren des Isuzu läuft die Heizung auf Lignano-im-Juli-Niveau. Der Sommer beginnt bekanntlich im Kopf.

Mühsam quält sich der 2.5 Liter Intercooler die Kehren des Predilpasses empor. Es dürstet ihn massiv nach Diesel, und uns nach Kaffee. Auf der gegenüberliegenden Seite, der slowenischen, herrscht erst mal noch Winterruhe. Erst in Bovec, dem stets quirligen Biker, Rafter und Hiking-Mekka des nördlichen Ostens, können wir wieder schneefreie Flächen, und mit ihnen, Menschen entdecken. 

Es zieht uns aber noch etwas weiter. Unseren ersten Stop planen wir in der gefühlten Mitte des langgezogenen Soca-Tales ein.

Im mittelalterlichen Örtchen Kanal ob Soci fließt zum ersten Mal an diesem Tag, der heiße "Türkentrank" durch unsere Kehlen.

Dem Orient sei Dank.


Kanal ob Soci - das Mostar Sloweniens.
Kanal ob Soci - das Mostar Sloweniens.

Man sitzt auf der Terrasse eines kleinen Cafés, und lässt sich die Frühlingssonne auf den Pelz scheinen. 

Tief unter einem, fließt die smaragdblaue Soca, in ihrem Felsenbett. Kleine Sandstrände ducken sich in geschützte Buchten. Der nahe Kirchturm klingt hell und sanft in der wärmer werdenden Vormittagsluft. 

Schon jetzt spüren wir, wie richtig und wichtig Toilettenentscheidungen sein können. 

Man kaut den letzten Schluck aus dem kleinen Häferl, und schon kurz darauf mäandert man weiter gen Süden.

Entlang der ehemaligen kaiserlichen Bahnstrecke Aßling-Triest, eröffnet 1906, folgen wir dem Lauf der Soca bis Görz. 

Dort wo das enge Tal den Fluß endlich entlässt, empfängt uns die steinerne Salcano-Brücke, ihres Zeichens größte gemauerte Steinbogenbrücke der Welt, und gebaut, natürlich, unter dem österreichischen Doppeladler. 

Damals wusste man in Wien eben noch, was Endruck schindet.

Heute - naja.



Bald darauf schwenken wir über kleine Nebenstraßen des Karst, in Richtung kroatische Grenze. 

Am kleinen Grenzübergang unter´m Berg, Podgorje eben, ist heute viel los. 

Wochenendreiseverkehr. Vor uns stehen noch ein slowenisches Cabrio, sowie ein im Wohnmobil reisender Italiener. Die zwei Grenzer haben viel zu tun. Man sieht es ihnen an. Eilig hasten sie vom Cabrio zum Häuschen, und wieder retour. Man prüft. Verwaltet. Kontrolliert. Schwitzt den Morgenkaffee aus. Dann noch das Wohnmobil. Idem Procedure.

Endlich wird man abgefertigt. Kritisch beäugt. Campen will man also gehen. In Tarnhosen und Winterjacken gehüllt. 

Lange lässt man uns stehen. Die Kontrolle der Pässe scheint wichtig.

Am Ende dürfen wir doch noch rein. Der Schranken öffnet sich, und wir passieren

 den neuen Eisernen Vorhang, ein fünf Meter hohes Metalltor, flankiert von drei Reihen NATO-Draht. 

Hallo neues Europa!

Wer braucht schon das lange erkämpfte Gut der Reisefreiheit, wenn er Stacheldraht haben kann?


Mittagspause im Ucka-Nationalpark.
Mittagspause im Ucka-Nationalpark.
Nach dem Essen genießt ein plötzlich aufgetauchter Schotte mit uns die Aussicht.
Nach dem Essen genießt ein plötzlich aufgetauchter Schotte mit uns die Aussicht.

Keiner von uns Dreien hat heute Lust zu politisieren, und so ergeben wir uns selig der Landschaft und Straße.

Jahrhunderte alte steinerne Weiler prägen das Gesicht Istriens jenseits der Küste. Meist noch bewohnt, haben sie schon viele Heere, Nationen und Kriege kommen und gehen sehen. Alle waren sie da. Die Römer, Illyrer, Österreicher, Deutschen, Italiener. Und alle meinten sie im Recht zu sein. Man sei das auserwählte Volk. Die bessere Nation. Das höhere Selbst. 

Ein Schäferhund verrichtet gerade sein Geschäft an einem rostigen Laternenpfahl. 

Wie schön einem doch das Leben die Flausen aus dem Kopf treiben kann. 

Schnell über die breiten Schultern des Ucka-Massives in Richtung Himmel. 

Oben erwarten uns tolle Schotterstraßen, und herrliche Aussichtspunkte. 

Wir steuern den D-Max über ein kleines, mit Geröll gespicktes Grasfeld, auf eine Sonnenterrasse. 

Hier oben, etwas abseits der von Mountainbikern und Offroad-Fahrern gerne benützten Transversale, lässt es sich herrlich zu Mittag dinieren. Gaskocher und Geschirr werden ausgepackt. Suppe und Nudeln sättigen schnell, und schon bald zerfließen wir unter der Höhensonne Istriens, in unseren Camping-Lehnstühlen. 

Ein leichter Wind treibt Wolkenfelder von Nord nach Süd. Kitzelt an den Härchen der Unterarme. 

Und schleichend leise, läuft uns ein plötzlich aufgetauchter, alter Schotte über unsere Lebern. 

"Caol-Ila" heißt der kernige Bursche. Und obwohl er bald außer Sichtweite gerät, schmecken wir noch lange seine Spuren von Meer, Rauch und Seetang.


Anflug auf die Insel Cres - Fährhafen statt Flughafen.
Anflug auf die Insel Cres - Fährhafen statt Flughafen.
Der Sonne davon - Von Brestova nach Porozina.
Der Sonne davon - Von Brestova nach Porozina.

Fast missmutig schälen wir uns aus dem Gestühl, und fahren ab in Richtung Kvarner Bucht.

Schließlich möchten wir heute noch die Insel Cres erreichen, und das obwohl uns der alte Schotte noch zum Bleiben eingeladen hat.

Eigentlich schlägt man ja Gastfreundschaft nicht aus, aber der Winterfahrplan der Jadrolinija sagt uns, dass nicht mehr viele Fähren an diesem Tag verkehren. Vielleicht nur noch zwei? Wer weiß es so genau. Also ab nach unten an die Küste. Hopp, hopp!

Verflucht seist du, Fremdbestimmtheit!

Brav stehen wir Schlange. Wo in wenigen Monaten hunderte Fahrzeuge pro Tag übersetzen, kleine Kinder plärrend Lulu in Büsche machen, und etwas gesetztere Hausfrauen, plump und Bäche schwitzend, zum weit entfernten Kassenhäuschen trampeln werden, sind wir die Nummer drei von acht Fahrzeugen insgesamt. 

Auch du liebe Vorsaison.

Man rumpelt auf die chinesische Fährpagode aus den frühen 80ger Jahren. Der eine Schiffsdiesel verstummt, der andere erklingt, und bläst schwarze Rauchsäulen in den klaren, istrischen Spätnachmittag. 

Träge fahren wir der Sonne davon, in Richtung der steinernen Insel Cres. 

Nicht zum ersten Mal, und auch nicht zum Letzten. Weil, erstens, Cres nicht nur die größte, und landschaftlich vielfältigste Insel der kroatischen Küstenlinie ist, sondern, zweitens, auch mit außergewöhnlichen Naturschönheiten, wundervollen Küstenorten, einer fantastischen Tierwelt, darunter, Delfine, Gänsegeier und Mufflone, sowie unzähligen einsamen Plätzen zum Genießen ihrer Schönheit aufwarten kann. Aber genug der Reiseführer-Weisheiten, denn wir sind heute nur gekommen, um letzteres zu finden: Einen einsamen Platz, um ungestört die bald aufziehende Nacht verbringen zu können.


Cres - Die steinerne Insel, mit ihren unzähligen Wundern.
Cres - Die steinerne Insel, mit ihren unzähligen Wundern.
Himmel, Meer, und Lagerfeuer, statt Schnee, Termine und Alltagsstress.
Himmel, Meer, und Lagerfeuer, statt Schnee, Termine und Alltagsstress.

Wir finden selbigen ober dem Dörfchen Merag, an der Ostküste der Insel. 

Vorsichtig folgen wir einem kleinen Karrenweg durch dichten Pinienwald. Hölzerne Weidezäune und Steinmauern säumen den Pfad. Intensiv dringt der Geruch des Kiefernharzes durch das leicht geöffnete Beifahrerfenster, und schon nach wenigen hundert Metern erreichen wir unser Ziel. 

Vor uns liegt eine von alten Eichen und Macchia umkränzte Wiese, deren erdiger Geruch einem fast die Sinne raubt. 

Still stehen wir vor unserem Pick-Up, und betrachten die immer dunkler werdende Küstenlinie, die sich vor uns nach Norden zieht. Kleinen Kerzen gleich, blinzeln die Lichter winziger, zum abendlichen Fang ausfahrender, Fischerboote zu uns herauf. Am Ende der Bucht, unter den Bergen der Risnjak-Kette glitzert die Hafenstadt Rijeka, das alte Fiume, ihren verblassenden Glanz. Kein Laut, kein Lüftchen ist an diesem einzigartigen Abend zu hören, oder zu fühlen. 

Dachzelt und Bodenzelt werden aufgestellt. Der Tisch aufgeklappt. Die Stühle für die Uraufführung in Position gebracht. 

Kochen ist heute Abend nur lästige Pflicht, denn der alte Schotte hat sich noch angesagt. 

Noch ehe man ihn sieht, riecht man ihn schon wieder. Torf und Öl steigen in unsere Nasen. Dann ist er da. Eine Urgewalt. Verschafft sich Platz, und lässt zu später Stunde, donnernd den Vorhang über die Aufführung fallen.

Weicher Applaus aus weich gewordenen Händen! Danke, und gute Nacht.


Morning glory is rushin´ in.
Morning glory is rushin´ in.
Unbezahlbar.
Unbezahlbar.
Erste Reihe fußfrei.
Erste Reihe fußfrei.
Umringt von einem natürlichen Zen-Garten.
Umringt von einem natürlichen Zen-Garten.

Kurz vor sechs Uhr Morgens jagt mich die in den Schlafsack kriechende Kälte, und ich, wenig später, meine "Jungs" aus ihren Betten. 

Unser nordeuropäischer Gast hat eine bedenkliche Note im Camp hinterlassen, und so kochen wir erstmal Kaffee.

Am südöstlichen Horizont glimmt und glüht es bereits verdächtig, und kaum ergießt sich die gemahlene Bohne in ihren Emaillekäfig, dampfend heiß, und bereit gleich geschlürft zu werden, bricht unerwartet Gottes Schauspiel los.

Naturgemäß eher Sonnenuntergänge kennend, starren wir mit weit aufgerissenen Augen nach Osten. 

Millimeter für Millimeter schält sich ein wabernder Ball aus seinem nassen Grab, erfüllt in jeder Sekunde seines aufgehenden Daseins, die Umgebung mehr mit Leben und Wärme. Kaum benetzt sein gleißendes Licht die ersten Blätter der Bäume, schwillt ein Chor von Singvögeln an, um keinen Ton verlegen, wenn es das Licht, und das neu aufgetauchte Leben zu begrüßen gilt.

Millionen Farben treffen in diesem Moment unsere Augen. Tausende Gerüche heben an, uns in andere Sphären zu tragen.

Wer braucht Drogen, wenn er DAS haben kann, denkt man sich, während ein leichter Kopfschmerz die Szene untermalt.

Wir nehmen wieder Platz, erste Reihe fußfrei, und genießen in langen Zügen unseren Kaffee. 

Und da sitzen wir, fast gratis, im Paradies, und leben, atmen, und pumpen Blut durch unsere Körper.

Gedanken an Geld, Job, Karriere, sind momentan weiter von uns entfernt, wie die Erde von jener aufgehenden Sonne.

Ein Mutterschaf mit seinem Lämmchen kommt uns eben besuchen, und weit oben zieht ein Gänsegeier seine Runden. 

Einer Mahnung gleich, das Jetzt zu genießen, denn der da oben, kann jederzeit kommen, und dich mitnehmen, wer weiß, wohin.

Noch ein Schluck Kaffee. Das Leben ist schön. Jetzt. Gerade. Immer.


Leben...
Leben...
...und leben lassen.
...und leben lassen.