Montenegro - Im Vorhof der Wolfsfrau

Jungs und Mädels, wahrscheinlich mehr Jungs als Mädels,

seien wir uns doch mal ehrlich.

Was wollen wir, wenn wir im März die Mud Terrain Schlappen anziehen, im April den neuen Unterfahrschutz und

die Rockslider anschrauben, und im Mai endlich die neuen und viel

größeren Trinkwasserbehälter im Heck unseres Babys platzieren?

Nein, wir wollen nicht Malle, Ibiza oder Benidorm. Und nein, wir wollen auch nicht in St. Peter-Ording am Strand abhängen, und dem semiprofessionellen Weltreisenden Mitte Sechzig, der neben uns steht, dabei zusehen, wie er einen Quad aus dem Heck seines

fünfhunderttausend Euro Zetros fährt.

Nein, wollen wir nicht. Bestimmt nicht! Was wollen wir dann?

Richtig... Wahre Abenteuer auf den noch weißen Flecken unserer persönlichen Weltkarte.

Rote Felspisten in den Bergen Marokkos. Mal die alte Inka-Straße bis Cuzco unter die Räder nehmen, oder einfach mal den

Balkan runter flitzen, um in Montenegro die mystische Hochebene der Wolfsfrauen zu durchqueren.

Was? Einwände?

Balkan...

Kennen wir doch schon in und auswendig! Montenegro? War vielleicht noch kurz nach dem Krieg ein Abenteuer!

Nun ja, vielleicht in Teilen wahr. Aber eben nur in Teilen.


Am Eingang zur sagenumwobenen Sinjajevina.
Am Eingang zur sagenumwobenen Sinjajevina.

Denn, wer ein wenig Interesse hat, in den topografischen Karten des Balkan zu wühlen, ja, der wird, wenn er viel Glück hat, einen weißen Fleck im Herzen Montenegros entdecken, den auf den ersten Blick keine Dörfer und Siedlungen verunstalten, wo keine asphaltierte, oder gut geschotterte Straße aufscheint, die jenem so herrlich leeren Ort seine Geheimnisse nimmt, und der als riesiges

Hochplateu, wie eine gen Himmel gerissene Hand, weit über die Täler dieses so zerklüfteten Landes aufragt.

Die wenigen Bilder, die im Internet kursieren, aufgenommen von Mountainbikern, und Wanderern, sowie einem abenteuerlustigen Motorradfahrer, weisen diese Hochebene als Sinjajevina aus. So heißt auch der Gebirgszug, der das Plateau im Süden umfasst.

Wir bezeichnen Sie als das "Atlantis des Balkans". Und das nicht ohne Pathos und Schmerz.

Denn wir hatten in den vergangenen Jahren schon mehrmals versucht, einen fahrbaren Einstieg in dieses von Wind und Nebeln

verhangene Stück Mystik zu finden.

Immer ohne Erfolg. Einmal aufgrund fehlender Karten. Ein andermal aufgrund ungenauer GPS Navigation, und einem engen Zeitplan, auf dem Weg nach Albanien.


Der Weg nach Mittelerde - zumindest scheint es manchmal so.
Der Weg nach Mittelerde - zumindest scheint es manchmal so.

Dieses Jahr sollte es endlich soweit sein. Nur nichts dem Zufall überlassen!

Den GPS Track zum x-ten Mal kontrolliert. Wie war das nochmal mit der Abzweigung? Der zu fahrende Weg ist auf den

Satellitenbildern nur in Schemen zu erkennen.

Niedergefahrenes Gras? Egal. Im Kartenmaterial ist nur eine ewige Abfolge von winzigen

Strichen zu erkennen. Gar ein Wanderweg? Es hilft alles nichts. Nur die Einholung der Tatsachen vor Ort, wird uns endlich Klarheit bringen.

 

Endlich sind wir da!  Den Hauptort im Durmitor Gebirge, das umtriebige Zabljak, lassen wir so schnell es geht hinter uns.

Zu viele Hiker, Biker, und Zip-Line Flieger.

Wir müssen nach Osten. Dort wo die Sonne aufgeht, liegt Teletubbie-Land.

Wie geil... Der Prolog zu unserer Reise nach Atlantis, spielt tatsächlich in jenem, von einem seltsamen Geist ersonnenen, Kinderparadies.

Wenige Meter hohe Hügel, mit feinstem Golfrasen bestückt, dazwischen, wie von einem Landschaftsarchitekten erdacht, ein perfekt geformter, glasklarer See. Vereinzelt liegen weiße Steine umher. Seht, da hinten

saugt der blaue Noo-Noo die frische Morgenluft ein. Verdammt, es ist

doch nicht Noo-Noo der vollelektrische Staubsauger, nur ein atemlos untrainierter Mountainbiker in

blau-silbrigem Dress.

Jetzt aber ab in den Wald! Hinter der Ortschaft Njegovuda, zweigt ein unscheinbares Wegchen nach Südosten, in ein von alten, moosbehangenen Fichten gesäumtes Hochtal ab.

Vereinzelte Gehöfte, liegen abseits der noch asphaltierten Straße. Wir sehen alte Frauen harte Männerarbeit verrichten. Von Kopf bis Fuß in schwarz gehüllt, tragen ihre gekrümmten Körper schwere Dinge umher, oder bearbeiten die kümmerlichen Felder, welche sie über Generationen dem karstigen Boden abgerungen haben.


Über endlose Graspisten, geht es zwischen verfallenen Gehöften hindurch.
Über endlose Graspisten, geht es zwischen verfallenen Gehöften hindurch.

Ihre Gestalten erinnern uns an den wahren Startpunkt unserer Reise.

Vor Jahren sahen wir den Bericht eines deutschen Fernsehteams, welches sich aus unerfindlichen Gründen, in die Sinjajevina verirrt hatte.

Ihre so ehrfürchtig dargelegten Erlebnisse und Bilder, ließen uns damals wieder zu Kindern werden, welche mit gespitzten Ohren, und offenen Mündern, einem Märchen lauschen.

Man erzählte uns von einer rauen und menschenleeren Hochebene.

In den wenigen, noch bewohnten Hütten, welche auf ihren sturmgepeitschten Wiesen kauern, leben graue Wolfsfrauen, und kämpfen täglich um ihr Überleben.

Wolfsfrauen nennt man sie im Volksmund deshalb, weil sie ihre Schafherden, mit alten Vorderladern und Schrotflinten, gegen die

immer wieder vorkommenden Angriffe wilder Wolfsrudel verteidigen. Ohne männliche Hilfe verbringen sie viele Monate des Jahres in ihren mit Holzschindeln gedeckten Steinhäusern, und sitzen des nächtens vor ihren Öfen. Die Ohren stets offen, für jeden ungewöhnlichen Laut, der ihre Existenz bedrohen könnte. Jungfrau, früh verwitwet, oder einfach nur die Stärkste der Familie, kämpfen sie Jahr für Jahr um ihre Tiere, und um das eigene Überleben.

 Ist doch klar, dass man das sehen will, oder?

Die Streckenführung ist tricky. Asphalt ist aus. Der jetzt immer schmaler werdende Schotterweg zweigt oft unvermittelt

ab. Die Wegweiser werden immer hanebüchener. Oft sind sie verwittert oder von großkalibrigen Waffen durchschossen.

Endlich, nach der gelungenen Überwindung einer steilen, mit kleinen Felsen gespickten Steigung, fahren wir über den Tellerrand der Sinjajevina.


Zwischen den Graspisten, finden sich immer wieder lehmige Passagen, gespickt mit spitzem Kalkgestein.
Zwischen den Graspisten, finden sich immer wieder lehmige Passagen, gespickt mit spitzem Kalkgestein.
Einsamkeit, Weite, Wind und Freiheit. Ein Paradies für den gelernten Mitteleuropäer.
Einsamkeit, Weite, Wind und Freiheit. Ein Paradies für den gelernten Mitteleuropäer.

Und dann geht alles ganz schnell und unvermittelt.

Schotter wird zu Gras. Kalter Nordwind beutelt unsere Pick-Ups. Zerrt an den Dachzelten und Aufbauten. Vor uns nur gähnende Leere. Wir überblicken eine dutzende Kilometer ausladende Ebene, umrahmt von unwirtlichen Felshängen. Soweit das Auge sieht, kein Haus, kein Mensch. Wellen der Freiheit und Freude steigen in uns auf.

Atlantis! Hier bist du also!

Wir fahren drauf los. Ergießen uns in ihr Sein. Sind wieder kleine Kinder. Bleiben neuerlich stehen, hüpfen vergnügt und lauthals lachend über die unzähligen Grashügel und Erhebungen ihrer Fläche.

Erst nach längerer, und in einigen Passagen doch recht anspruchsvoller Fahrt, erkennen wir einzelne Punkte in der

Landschaft, die sich bei Beobachtung durch das Fernglas, als von Menschen errichtete Behausungen herausstellen. Wie achtlos verschüttete Glasperlen liegen sie in der Landschaft verstreut. Oft viele Kilometer voneinander entfernt. Mit aus Steinen errichteten Zwingern für das Vieh, in nächster Nähe.

Wir fahren den ganzen Tag, ohne einem Menschen zu begegnen. Die oft nur schwer zu erkennende Graspiste, wird hin und wieder durch kurze Abschnitte losen Schotters, oder zu Hohlwegen geformter, kupferfarbener Erde unterbrochen.

Oftmals liegen spitz zulaufende Felsen und kleine Findlinge, halb von Erde verdeckt, aber tödlich für Reifen und Unterboden, am Weg verstreut.


Einzelne Höfe, und manchmal auch deren Überreste, liegen in der fantastischen Landschaft weit verstreut.
Einzelne Höfe, und manchmal auch deren Überreste, liegen in der fantastischen Landschaft weit verstreut.
Der fast unkenntliche Weg verliert sich oftmals in den unendlichen Weiten der Hochebene.
Der fast unkenntliche Weg verliert sich oftmals in den unendlichen Weiten der Hochebene.
Der Mensch und seine Technik reduzieren sich hier oben auf ein Minimum.
Der Mensch und seine Technik reduzieren sich hier oben auf ein Minimum.

Gegen Abend dann, kreuzen doch noch menschgewordene Irrlichter unseren Weg. Der alte Schäfer, mit dem verletzten Zicklein unter dem einen, und dem hüfthohen Sack Flechten unter dem anderen Arm.

Der ausgezehrte Tourenradfahrer, mit den gütigen Augen, und seiner pinken Iso-Matte. Der betrunkene Bauer, der eine Mitfahrgelegenheit brauchte, und eine Stunde lang auf unserer Ladefläche litt.

Mit allen tauschten wir ein paar Worte, ein Lächeln, oder das eine oder andere Bier.

Und ja, auch eine der sagenumwobenen Wolfsfrauen ließ ihre

Silhouette erkennen.

Sie saß zusammengekrümmt auf dem Grat eines Abhanges, und blickte starr in die Ferne.

Den alten Vorderlader aufrecht in der rechten Hand haltend, zerrte der Nordwind beständig an ihrer

Erscheinung.

Doch sie würdigte uns keines Blickes.

Jene zwei Allrad-Raumschiffe mit Insassen aus einer anderen Galaxie, waren für sie ebenfalls nur Irrlichter.

Und außerdem: Was in der Welt könnte wichtiger sein, als das Beobachten der Wölfe?


Ein alter Schäfer und Flechtensammler der Sinjajevina. Bei Bier und Schnaps lässt sich schnell Freundschaft schließen.
Ein alter Schäfer und Flechtensammler der Sinjajevina. Bei Bier und Schnaps lässt sich schnell Freundschaft schließen.
Ein kleines Bergbauerndorf am östlichen Ende der Hochebene.
Ein kleines Bergbauerndorf am östlichen Ende der Hochebene.