Rumänien - Der nasse Hauch der Karpaten

Träumen ist ja so schön. Und bekanntlich auch schon ein guter Teil einer geplanten Reise.

Wir erträumten uns bereits in den kalten Wintermonaten eine Anreise über Ungarn und die Puszta. Deutsch-Rumänien mit seiner kaiserlichen Historie. Dann die weitgehend unberührte Wildnis der Karpaten, und zum Schluss herrschaftliches chillen am Schwarzmeerstrand von Konstanza.

Abenteurer Herz - Du wirst Satisfaktion erlangen.

Zu Beginn hat auch alles nach einer, auf gut österreichisch, "gmahten Wiesn" ausgesehen. 

Gleißend helle Junisonne. Temperaturen an die 30 Grad im Schatten. Der Tempomat ist seit Stunden auf 130 Sachen gestellt, und Ungarn entrollt seine unendliche Weite vor unseren Augen. 

Na gut. Es gibt ein paar schattige Aspekte. Bleibst du in Ungarn zufällig irgendwo stehen, um dir die Beine zu vertreten, hüpft auch schon ein im falschen Armani-Anzug verkleideter Händler aus dem Gebüsch, und will dir entsperrte Apple Geräte zum Schnäppchenpreis andrehen. Und NEIN! Das passiert nicht nur Zufällig. Das passiert bei JEDEM Stop.

Wir stellen die fliegenden Händler mit kaltem Bier ruhig. Nur so kann man sie abschütteln. Wirklich!

Dann die doch eher ermüdende Eintönigkeit der ungarischen Grasebenen. Du fährst fast 600 Kilometer mit erlaubter Höchstgeschwindigkeit, die Sonne zieht ihre hohe Bahn über das Fimament, und seit Oberwart im Burgenland hast du dich gefühlt nicht bewegt. Oh doch. Es gibt jetzt Wassertürme in den Dörfern nebst der Autobahn. Aber die sehen ebenso alle gleich aus.

Gegen Abend dann, die Erlösung.

Rumänische Grenze in Sicht.

Endlich!


Nachtlager am Fluss Mieresch. Endlich rumänische Krume im Profil.
Nachtlager am Fluss Mieresch. Endlich rumänische Krume im Profil.

Kurz nach der Grenze planen wir unseren ersten Einkehrschwung. Per Satellitenkarte haben wir ein schattiges Plätzchen in den Auwäldern am Fluss Mieresch auserwählt. Am nächsten Tag soll es dann per einer der letzten Seilzugfähren West-Rumäniens, über den Fluss in Richtung Temeschwar gehen.

Die Umgebung ist herrlich. Vereinzelt kann man Fischer-Camps am Fluss sehen. Die Luft riecht erdig und feucht. In warmen Farben blinkt uns das Abendrot des vergangenen Tages durch das dichte Blattwerk der alten Pappeln und Weiden entgegen.

Wir nehmen Platz auf einer kleinen Lichtung, entzünden unsere Öllampe, und lassen es uns wohl ergehen.

Im Hintergrund gluckst der langsam dahinfließende Fluss eine kleine Nachtmusik.

Bier und Getreidebrand aus Schottland versüßen uns den Abend.

Kurz nach Mitternacht robben wir in unsere Unterkünfte. 

Manch einer schnarcht bereits vor dem aufkommen auf der Matratze. 

Plötzlich kommt Wind auf. Zuerst noch leise und streichelnd. Dann, nach ungefähr einer halben Stunde, die ersten Fallböen. 

Ungestüm beginnen die Zelte zu zittern. Kleine Äste landen knisternd auf den Außenhäuten.

Was wohl kommen mag?

Ich checke die Seite des rumänischen Unwetterdienstes. Fast kein Internet.

Leise fluche ich, als sich die Karte nach Ewigkeiten in Rot-, und Violetttönen aufbaut.

Eine massive Unwetterfront naht von Westen.

Um 2 Uhr früh weht es so stark, dass bereits größere Äste von den Bäumen ringsum zu Boden donnern.

Es hilft alles nichts. Wir müssen das Lager räumen. Zu groß ist die Gefahr von umherfliegenden Teilen getroffen zu werden.

Starkregen setzt ein.

Pitschnass und torkelnd packen wir zusammen. Blitze zucken um uns herum, und die Geräuschkulisse lässt nur noch Brüllen und Handzeichen zu. Als es zu Hageln beginnt, stehen wir schon auf einer größeren Lichtung, und sehen dem Schauspiel aus dem beschlagenen Inneren der Fahrzeuge zu. 

Es schüttet bis zum Morgengrauen. 

Ein herzliches Willkommen in Rumänien!


Unendliches Kulturland nahe Temeschwar.
Unendliches Kulturland nahe Temeschwar.

Am Morgen steigen Nebelschwaden gen Himmel. Wir gönnen uns ein Katerfrühstück, und machen uns auf den Weg nach Timisoara, oder Altdeutsch "Temeschwar".

Dann die nächste Enttäuschung. Die geplante Überquerung der Mieresch mithilfe der Fähre fällt aus. Diese liegt stark krängend auf der gegenüberliegenden Flussseite, und rostet einen langsamen Tod.

Also einen Umweg von 150 Kilometern einplanen. Wir haben ja Zeit.

Die Gegend um Timisoara ist altes Kulturland. Ab hier ziehen sich kleine geduckte Weiler, und unendlich scheinende Weizenfelder nach Osten bis an die russische Wolga. Nur kurz unterbrochen vom Gebirgszug der Karpaten, dessen westliche Ausläufer wir heute noch erreichen wollen.

Kleine, wenig belebte Dörfer tauchen auf. 

Die Straße führt durch deren Mitte, links und rechts davon einstöckige Häuser mit kleinen Vorgärten. Schnell bemerkt der aufmerksam Reisende diverse Unterschiede. Alte rumänische Baustruktur ist meist aus Holz errichtet, formschön und detailverliebt in Ausführung und Verzierung. Bauten aus der Zeit des Kommunismus stellen das komplette Gegenteil dar. Rau und klobig betoniert, mit feisten Linien in die Landschaft gesetzt. Gleichschritt in Optik und Haptik.

Und da gibt es noch etwas. Etwas worauf man sich zwar vorbereitet hat, dessen Erscheinung einen dann aber doch erschüttert.

Die Häuser der Roma.

Meist stehen sie im Abseits der Siedlungen. Haben weder Fenster noch Türen. Im besten Fall noch Folien und Planen als Ersatz. Erde und Schlamm wälzen sich von den graslosen Vorhöfen in das Innere der Häuser. Planlos staksen Hühner und anderes Federvieh wild umher. Die "Reichsten" unter ihnen besitzen ein Fuhrwerk samt ausgemergeltem Hengst. 

Wir werden auf unseren Ledersitzen immer kleiner, und sind etwas ratlos, wie mit diesen Eindrücken umzugehen ist.

Vor etwas mehr als 12 Stunden haben wir eine EU-Binnengrenze überquert!

Hallo, Herr Junker?


Rumänischer Hauptstraßen-Slalom.
Rumänischer Hauptstraßen-Slalom.

Timisoara selbst, durchfahren wir ziemlich schnell. Denn wir wollen hurtig in die Einsamkeit der Berge kommen, deren erste dunkle Vorhut, bereits am fernen Horizont erkennbar ist.

Was uns in Erinnerung geblieben ist? Ein urbanes Zentrum mit einer Menge kommunistischer Großarchitektur, alt-österreichischer Schick an vielen Enden, und Neureichtum in Form von frisch errichteten mittelalterlichen Burgen im Kleinformat, inkl. Wehrtürmen und Schießscharten für den rumänischen Geschäftsmann von Welt. Dass sein Roma-Nachbar im Dreck lebt, ist egal, denn die Burg hat ja keine Fenster nach Süden.


Reschitz - Ehemaliges Zentrum der Schwerindustrie
Reschitz - Ehemaliges Zentrum der Schwerindustrie

Über schlammige Nebenstraßen nähern wir uns Reschitz. 

Und schon auf den ersten Metern in der Stadt mitten im Dognecea-Gebirge, erschnuppern wir die schwer-industrielle Vergangenheit jenes Flecken Erde. Viele Fassaden schimmern rostrot vom ausgestoßenen Eisenoxyd der unzähligen Kamine und Schlote. Bürgersteige und Rinnsale bieten das selbe Bild. Wir öffnen die Fenster, und unmittelbar darauf bekommt das surreale Bild der mit Förderbändern und Stahlessen überbauten Jugendstilschönheit ihren ihr selbst innewohnenden Geruch: Eisen. Stahl. Rost.

Metallisch legt er sich auf Zunge und Hals. Und das obwohl, die beste Zeit der ehemaligen Paradestahlwerke schon lange hinter ihnen liegt. Wo Eisen ist, ist die Eisenbahn nicht weit. Und Reschitz ist, die unzähligen Schienenwege auf und abseits der Straße beweisen es, ein Zentrum der Eisenbahn-Geschichte in Rumänien.

Im Jahre 1855 beschloss das kaiserliche Wien, in der erzreichen Gegend, unter Federführung der "k.k. privilegierten Staatseisenbahn-Gesellschaft" eine Lokomotiven und Stahlproduktion zu errichten. Und errichtet wurde schnell, nur aber, der berüchtigten wiener "Verzettelei" mag es geschuldet sein, produziert wurde langsam. Bis in das Jahr 1918 hinein, schaffte man es, immerhin sieben, in Zahlen "7!" Dampflokomotiven zu fertigen, von denen die eine oder andere noch im örtlichen Eisenbahnmuseum zu bestaunen sein mag. Bravo meine Herren! 

Später, unter nationaler Aufsicht, und noch später, unter Hammer und Sichel der Kommunisten schaffte man es doch noch, die Produktion nach oben zu schrauben.

Hatte manchmal eben doch einen Plan, die Wirtschaft.


Nahe Weidenthal im Banater Gebirge.
Nahe Weidenthal im Banater Gebirge.

Auf gewundenen Straßen fahren wir tiefer in das Banater Gebirge.

In diesem, sehr westlich gelegenen Teil der Karpaten, lebten, und leben immer noch sehr viele "Banater Schwaben", oder allgemeiner, "Donauschwaben". Ihre Vorfahren wurden von der österreichischen Hofkammer, bereits Ende des 17. Jahrhunderts aus Süddeutschland und Lothringen in diese, von den Türkenkriegen entvölkerte Gegend, umgesiedelt. Der Reisende merkt es an den vielen deutschen Flur,- und Ortsnamen.

Wir machen Mittag auf einem Hügel oberhalb von Wolfsberg. 

Die Sonne brennt heiß vom leicht bewölkten Himmel, und so fahren wir unsere Markisen aus, packen Gestühl und Tische in die Wiese, und köcheln ein reiches Mahl.

Die Nudeln sind noch nicht mal gar, und wir sitzen wieder in unseren Fahrzeugen, und beschauen ängstlich den heraufziehenden Weltuntergang. Blitze zucken im Sekundentakt. Der Donner schüttelt die tonnenschweren Pick-Up-Trucks, und immer größer werdende Hagelkörner zerren an den angespannten Nerven.

Schon wieder Unwetteralarm. Und das aus sprichwörtlich heiterem Himmel.

Wir warten nahezu eine Stunde. Immer noch schüttet es wie aus Eimern. Der Hagel lässt kurz nach, und wir stürmen nach draußen, um alles einzupacken. Das halbfertige, mit Regenwasser gestreckte Mittagessen landet im Busch. Bis alles wieder reisefertig ist, schwimmen wir im eigenen Saft.

Runter vom Hügel, rauf auf die Straße, die jetzt ein brauner Wildbach ist. Es gießt weiter. Die kleine Brücke zur Hauptstraße ist nicht zu sehen, und offenbar unterspült. Wir probieren es trotzdem, und unser Hinterreifen gibt nach. Der Wagen kippt bedenklich zur Seite. Ein kurzer Schrei entfährt der Kehle, aber die Untersetzung und ein beherzter Druck auf´s Gas, retten die Situation. 

Wolfsberg selbst ist überschwemmt. Das eben noch liebliche Bächlein ist zum braunen Strom geworden. Schlägt Wellen an Fassaden, und schafft Stromschnellen auf dem Asphalt. Ein paar Kilometer weiter, steht die Polizei. 

Das Tal ist von der Außenwelt abgeschnitten. Die Straße gesperrt.

Durchnässt und Müde machen wir uns auf die Suche nach einer Unterkunft.

Wir halten am kleinen Restaurant "Cristl" in Wolfsberg, und überraschen die freundlichen Besitzer beim Wasserschöpfen in der Gaststube. Ein Bach sei gerade eben durch das Haus geronnen.

Trotz allem lädt man uns auf Deutsch ein, zu bleiben, und zu Abend zu essen. 

Kann man denn noch gastfreundlicher sein?


Wasserstraße im Banater Gebirge
Wasserstraße im Banater Gebirge

Wir essen reichlich und gut.

Leider hat man gerade kein Zimmer frei.

Also machen wir uns vor Anbruch der Dunkelheit noch auf den Weg zum nahe gelegenen Stausee, der ebenfalls bedenklich hoch gefüllt ist, aber an seinem Westende ein trockenes Plätzchen zur Übernachtung bietet.

Nass und frierend versuchen wir gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Werden wir morgen das Tal verlassen können? Ist der Urlaub etwa schon zu Ende?

Wir legen uns noch bei Tageslicht in die feuchten Dachzelte. 

Im warmen Schlafsack checke ich kurz die Wetterlage über Internet. Der ganze Balkan ist eine blau-violette Wolke, welche langsam, aber beständig gen Nord-Osten zieht. Genau in unsere Richtung. 

Na dann, gute Nacht.


Trocknen in der Morgensonne.
Trocknen in der Morgensonne.

Am nächsten Morgen blinzelt die Sonne durch das Seitenfenster.

Wir kochen erstmal Kaffee, und legen alles Nasse zum trocknen in das herrlich kitzelnde Licht. 

Lange ausgestreckt, und gemütlich sinnierend, verbringen wir fast den ganzen Vormittag mit reinem Müssiggang.

Herrlich!

Zu Mittag erfahren wir, dass die Straße immer noch gesperrt ist.

Aber bis zum Schwarzen Meer ist es noch lang, der Reiseplan dicht gestrickt, und schließlich haben wir ja Offroad-Fahrzeuge, und sowieso und überhaupt, argumentieren wir in´s Blaue hinein.

Nicht lange denken, einfach tun! Deshalb probieren wir fünf Minuten später, kurzerhand, hinunter nach Slatina-Timis durchzustoßen.

So schlimm kann es wohl nicht werden.


Weiter oben.
Weiter oben.
Weiter unten.
Weiter unten.
Noch weiter unten.
Noch weiter unten.

Kurzum: So wild war es gar nicht. Von den unterspülten, weggebrochenen und mit großen Felsen übersäten Abschnitten der Straße mal abgesehen. Am schlimmsten hat es übrigens das Dörfchen Slatina-Timis selbst getroffen. Es liegt am Ende des langgezogenen Tales, und alles Wasser was oben reingekommen ist, muss auch unten wieder raus. So fordern es die Naturgesetze.

Wir sehen Menschen, die dicken Schlamm aus ihren Häusern schaufeln.

Schweres Baugerät ist angerückt, und manche Brücke hat das Zeitliche gesegnet. 

Schlimm genug, aber noch schlimmer, wenn es die erwischt, die ohnehin wenig haben.

Wir machen uns vom Acker, und fahren auf gut ausgebauten Straßen nach Süden.

Baile Herculane, das "Bad des Herkules", wartet auf uns.

Und wir sind gespannt.


Die kaiserliche Kuranlage in Baile Herculane.
Die kaiserliche Kuranlage in Baile Herculane.
Verfallende, österreichische Geschichte.
Verfallende, österreichische Geschichte.

Baile Herculane "flasht" den Ankommenden erst mal so richtig derb. 

Das Städtchen liegt am Eingang zum Domogled-Valea Cernei Nationalpark, und eben am Beginn des lang gestreckten Valea Cernei, dem Cerna Tal. 

Ist man gerade noch einige Stunden durch nur karg besiedeltes Hügelland gegondelt, so hinterlassen einen die geschätzte 40 Stockwerke aufragenden Hochhäuser am südwestlichen Ende von Herkulesbad erstmal ziemlich betroffen. 

Ein großes "Hallo" an allen Ecken und Enden. Endlose Reihen von Restaurants, Kaufläden und Souvenirständen. 

Dicht gepackte Parkplätze sowie ein Querschnitt durch die Hotelarchitektur des späten rumänischen Kommunismus, dazwischen Luxuslimousinen mit Bukarester Kennzeichen.

Der kleine Flecken "ehemalige Kurfürstlichkeit", pulsiert mit starkem Drang. 

Schroffe Felswände und dichter rumänischer Urwald umrahmen das Bild. 

So ein Stelldichein hatten wir hier NICHT erwartet.

Verwundert fahren wir etwas weiter gen Nordosten, und schon nach einem halben Kilometer landen wir im ehemals mondänen Bad Gastein, zumindest scheint es so, da k&k Noblesse und Barockstil von allen Seiten grüßen. Die Berühmtheiten der mittelfristigen österreichischen Geschichte waren da: Kaiser Franz-Josef der Erste, Sisi und Josef der Zweite, sowie eine lange Reihe A und B-Prominenz der feinen Wiener Gesellschaft.

Im letzten Eck der Monarchie gelegen, hatte sich Herkulesbad ziemlich schnell zu einem der wichtigsten Kurbäder seiner Zeit entwickelt. Nicht zu Unrecht, wussten doch bereits die Römer, dass es sich in Baile Herculanes´ schwefelhaltigen Quellen gut kurieren lässt, deren älteste Inschrift auf das Jahr 153 a.d. zurückgeht.

Aber erst die Österreicher nahmen nach langer Brache die Geschichte der Kur ab dem Jahr 1718 wieder auf, bauten weitläufige Kuranstalten, Hotels und Lustgärten in das einsame Cerna Tal. 

Und selbst ein Hauch Paris konnte in Herkulesbad geschnuppert werden, wurde doch die detailverliebte Fachwerkbrücke zur großen Kuranstalt aus dem gleichen Stahl erbaut, welcher den Eiffelturm im fernen Frankreich stützt.

Sauber gemacht, lieber Kaiser Franz! Es war sehr schön, es hat uns sehr gefreut.


Schon wieder aufziehender Regen im oberen Cerna Tal.
Schon wieder aufziehender Regen im oberen Cerna Tal.

Wir müssen weiter. In Richtung Petrosani.

Um dorthin zu gelangen, nehmen wir eine der abenteuerlichsten Straßen Rumäniens. Die ab dem Cerna Stausee geschlossene Route 66A. Noch wissen wir nicht, dass es eine der längsten Tagesetappen unserer Reise wird.

Zuerst führt uns eine noch recht gut geteerte Straße in Richtung Cerna Sat, einem Holzarbeiter, Bauern und Köhler Dörfchen im oberen Cerna Tal. Spätestens dort, wird der Asphalt zu Lehm und Schotter. Kaum haben wir das Dörfchen passiert, als es bereits wieder zu regnen beginnt. Bei erklimmen, der mit badewannengroßen Schlaglöchern gezierten Rampe des Cerna Stausee, tropft es erst spärlich. 

Später, nach dem passieren der 4 Quadratmeter großen Warntafel der Straßensperre, verstärkt es sich zu einem hin und wieder auftretenden Guss. Die teils lehmige, teils von schwarzer Erde und knietiefen Spurrillen durchzogene, einspurige Straße, verläuft in wilden Hakenschlägen entlang der Uferlinie des Stausees. Manchmal fast auf Höhe des Wassers, aber auch 50 Meter über ihm. Immer wieder gibt es Abrutschungen und Engstellen. Auf halber Strecke kommt uns ein vom Schlamm schwarz getünchter Biker mit österreichischem Kennzeichen entgegen. Mühsam steht er auf seiner 1190er KTM Adventure. Ein kurzer Gruß. Man sieht ihm die vorangegangenen Strapazen an. 

Wir benötigen für die knapp 20 Kilometer lange Strecke zum Ende des Stausees, fast zwei Stunden.


Im Internet als Hauptverkehrsroute eingezeichnet . Route 66a zwischen Baile Herculane und Petrosani. (67D erst weiter südlich!)
Im Internet als Hauptverkehrsroute eingezeichnet . Route 66a zwischen Baile Herculane und Petrosani. (67D erst weiter südlich!)

Hinter dem Stausee wird die Strecke wieder fahrbarer.

Unser Tagesziel ist die Passhöhe zwischen Cerna Sat und Campu lui Neag.

Was eigentlich ein "Hüpfer" von knapp einer Stunde sein sollte, entwickelt sich zur neuerlichen Nervenprobe, denn auf den letzten Kilometern zeigt uns eine weitere Unwetterfront, was alles heftig in ihrem Bauch rumort.

Jetzt ergießen sich Sturzbäche vom Himmel, und den lehmigen Hängen der Berge. Dicke Hagelkörner malträtieren erneut die Fahrzeuge, und wir beschließen sicheres Terrain am Talboden aufzusuchen, da die schlammigen Fluten, welche die Passstraße hinabschießen, immer reißender werden. Eine Mure von rechts oben, muss jetzt wirklich nicht sein. 

Nach einer halben Stunde lässt das Schlimmste langsam nach, und wir versuchen erneut den Aufstieg zum Pass.


Anstieg zur Passhöhe.
Anstieg zur Passhöhe.
Mühsam zu Berg.
Mühsam zu Berg.

Erst als es bereits dunkel wird, erreichen wir doch noch unser Ziel. 

Am Pass steht ein Lada Taiga mit polnischem Kennzeichen, daneben ein kleines dunkelgrünes Bodenzelt.

Vom Besitzer hören oder sehen wir nichts. Wir vermuten er schläft bereits.

Regen fällt wie Millionen von samtenen Schnüren vom Himmel, und etwas missmutig machen wir uns an den Aufbau der Dachzelte, und an unser Abendessen.


Ein kleines Feuerchen hebt zwar nicht die Temperatur, aber die Moral.
Ein kleines Feuerchen hebt zwar nicht die Temperatur, aber die Moral.

Lange sitzen ist nicht. Nässe und Kälte kriechen langsam aber sicher unter die dicken Winterjacken.

Ein Hoch auf den Sommer in Rumänien!

Die kälbchengroßen Hunde eines benachbarten Schäfers streifen unruhig um unser Lager. Immer wieder hören wir sie knurren, und sehen sie mit steif abgestreckter Rute in den Wald laufen.

Etwas scheint ihnen nicht geheuer zu sein.

Zerknautscht und müde steigen wir in unsere klammen Behausungen.

Der Schlaf kommt schnell.

Kurz nach Mitternacht stehen wir in unseren Schlafsäcken. Ein markdurchdringendes Geräusch hat uns aufgeschreckt.

Es klingt wie das Kriegshorn von Isengard aus J.R.R. Tolkiens "Herr der Ringe", gehört aber dem Schäfer von nebenan, und kurz drauf merken wir warum der liebe Herr es bläßt.

Wie als Antwort hebt ein nahes Wolfsrudel zum grusligen Gehäul an, und uns stehen endgültig die Haare zu Berge.

Hoch oben auf unseren Fahrzeugdächern, bangen wir um den armen Polen, hinter seiner bedampften Leinwand.

Was mag er wohl gerade für Ängste ausstehen?

Für die Hunde gibt es jetzt kein Halten mehr, und die nun beginnende wilde Jagd, reicht noch weit in den jungen Morgen hinein.


Freundliche Nachbarschaft.
Freundliche Nachbarschaft.

Am Morgen danach regnet es immer noch.

Wir sitzen gerade beim Frühstück unter der Persenning, als sich die Silhouetten zweier Personen aus dem Wald gegenüber herausschälen.

Uns fällt das Rührei vom Löffel.

Etwas nass, aber quietschfidel treffen wir den Polen mitsamt seiner Frau, und der geschätzt zweijährigen Tochter, welche vergnügt lächelnd aus dem Rucksack des Vaters, unter einem Regencape hervorlugt. 

Man sei heute morgen bereits um 4 Uhr auf einen benachbarten Gipfel gestiegen! Wie denn die Straßenverhältnisse weiter unten, entlang des Stausees seien? Sie wären ja schließlich bereits zwei Wochen unterwegs, und müssten jetzt weiter.

Ah ja, so schlecht wie hier, war das Wetter auf ihrer Reise noch nirgends.

Sprachen es, packten die Semi-Jurte zusammen, sattelten den Taiga, und rauschten zu Tal.

Wortlos verging der Rest des Frühstücks.

"Big balls", würden die Amerikaner sagen.

Unsere Hochachtung kleidet sich in weniger jugendfreie Äußerungen.

Respekt!


Auf dem Weg nach Targu Jiu.
Auf dem Weg nach Targu Jiu.

Es regnet noch den ganzen Vormittag.

Wir queren noch einen weiteren Pass, und kämpfen uns durch Schlamm und Wassermassen in Richtung Targu Jiu.

Man passiert Holzfällercamps. Voll bepackte 40-Tonner mit dicken Baumstämmen, auf elendslange Auflieger verteilt, stehen dort im Morast, und fahren schon wenig später hinter uns her. Wir benötigen Allrad. Sie nur guten Willen. Linker Hand die Felswand, rechter Hand der Hochwasser führende Fluss.

Schmerzbefreit muss man hier als Trucker wohl immer sein.

Zu Mittag durchfahren wir die pittoreske Schlucht von Sohodol.

Die Sonne wirft erste Strahlen an diesem Tag.


Schlucht von Sohodol.
Schlucht von Sohodol.

Die Großstadt Targu Jiu streifen wir nur kurz.

Zu gerne wollen wir weiter auf die großartige Transalpina. Eine der schönsten Alpenstraßen Europas. 

Hier zu Fuße des eigentlichen Karpatenhauptkammes schmücken sich die Dörfer in allen nur erdenklichen Farben. Sauber ist es. Fast schon Bilderbuchromantisch.

Man bereitet gerade ein internationales Bergrennen mit Driftchallenge vor. Dutzende Rennwagen dösen auf ihren voll verbauten Anhängern entlang der Strecke zu Berg. Es gibt jede Menge Absperrungen, Fahrerlager und von weit her angereiste Fans.

Wir sputen uns, um der Menge zu entkommen.

Irgendwo weiter oben, auf den von Bäumen leergefegten, und steppenhaft anmutenden Kämmen wollen wir übernachten.


Entlang der Transalpina.
Entlang der Transalpina.
Weite Landschaft der Hochkarpaten.
Weite Landschaft der Hochkarpaten.

Wie sollte es anders sein?

Kaum kommen wir etwas weiter oben an, verdunkelt sich der Himmel auf´s neue.

Soll man noch weiter fahren? Das geplante Tagesziel ist noch fern, und der Abend nah.

Wir entscheiden uns für einen kleinen Saumpfad, der entlang der Almhänge in Richtung Osten führt. Irgendwo dort drüben, am Waldrand, möchten wir ein verfrühtes Lager aufschlagen. Wer weiß schließlich, was heute noch kommen mag. Zumindest das sich immer höher auftürmende Gewölk, verheißt nichts Gutes.


Kurz vor dem Nachtlager.
Kurz vor dem Nachtlager.
Chillen im Abendlicht.
Chillen im Abendlicht.

Kurz darauf finden wir einen geeigneten Platz, welcher sich geschützt an ein kleines Wäldchen schmiegt. Keine steilen Hänge in der Umgebung, keine Bachläufe oder ähnliches, ein flaches Plateau, welches uns Sicherheit für die Nacht bieten würde, egal was für Überraschungen der Himmel noch zu bieten hätte. Wir schaffen es immerhin, noch fast eine halbe Stunde in der Abendsonne zu sitzen, und nordschottische Hochprozente zu inhalieren, dann bricht erneut die Hölle los.

Wie aus dem Nichts fährt ein schneidend kalter Wind in die Persenning, und reißt kurz darauf böse an den Dachzelten.

Innerhalb von anderthalb Minuten sitzen wir in dichtem Nebel, und der Wind nimmt immer noch zu. In höchster Eile machen wir alles sturmfest, und schon währenddessen, zucken die ersten Blitze rund um uns durch die Luft. Fast meint man es knistern zu hören. 

Wieder öffnet der Himmel seine Schleusen, und schießt Hagelkörner durch sein Reich, welche, durch den Sturm beschleunigt, immer härter gegen die Windschutzscheiben knallen. Wir haben uns mittlerweile samt Alkohol in die Fahrzeuge zurückgezogen, und sehen kopfschüttelnd dabei zu, wie immer größer werdende, rotbraune Bäche den Hang vor uns herunterschießen. Nach 10 Minuten kann man es schon Wildwasser nennen.

Wir gießen uns erneut ein Gläschen ein, und lassen uns vom feuchten Hauch der Karpaten in ein samtenes Reich der Entspannung entführen. 

Soll es nur regnen. Was kostet die Welt?



Am Morgen schwirren die Schädel.

Gerade beginnt es wieder zu gießen.

Wie konnten wir diesem Mistwetter gegenüber nur so gleichgültig sein? 

Mit brennenden Augen blicken wir auf die Wetterkarten für Rumänien. Ein einziges Wasserloch, liegt da, blau und violett wabernd, zwischen Serbien und der Ukraine. 

Doch da, ganz am Rande der Karte zeichnet sich wolkenloser Himmel ab!

Kann das wirklich sein? Ein Ort auf dieser Welt, ganz ohne Regen?

Träumerisch lassen wir die Köpfe zurück auf die feuchten Kopfkissen sinken. Sonne, Meer, trockene Kleidung. Es ist auch zu verlockend.

Wo nur liegt dieses staubige Paradies der Trockenheit?

Montenegro? Dalmatien?

900 km und 14 Stunden von hier?

Die Entscheidung fällt innerhalb von Sekunden.

ALLES KLAR, WIR FAHREN!

Bye Bye Romania, wir sehen uns sicher wieder!

Irgendwann.

So Gott will. 

Und leise überspült der feuchte Hauch der Karpaten die letzten Spuren unserer Pick-Up´s.