Albanien - Durch das Theth-Valley und die Road Of Stones

Österreich und Albanien - Das ist schon seit jeher eine brüderliche Verbindung, die freundschaftlicher kaum sein könnte. 

Egal ob es der gemeinsame Widerstand gegen die Hegemoniebestrebungen des osmanischen Reiches, oder die Unterstützung der Ausrufung eines unabhängigen albanischen Staates zu Beginn des ersten Balkankrieges 1912 war; Österreich und sein ehemaliges Herrscherhaus der Habsburger waren stets bestrebt, mit Albanien, einen stabilen Partner, in der historisch gewohnt unruhigen Region des Balkans zu haben. 

Und trotz des Bewusstseins jener so positiven historischen Tatsachen, macht sich im Fahrzeug allgemeine Nervosität breit, als wir wenige Meter vor dem albanischen Grenzübergang bei Hani i Hotit zum stehen kommen.


Die albanische Grenze bei Hani i Hotit. Man drängt nach Süden.
Die albanische Grenze bei Hani i Hotit. Man drängt nach Süden.

Die schwüle Hitze des nahen Skadar Sees macht uns trotz voll aufgedrehter Klimaanlage zu schaffen.

Dick und schwer, hängt die Luft rund um den kleinen Grenzübergang nahe über dem Boden. Schneidende Dieselabgase, schon lange aus Mitteleuropa abgezogener Mittelklasselimousinen drängen in das Wageninnere.

Bald sind wir dran. 

Hupend und drängelnd kurvt eine Mecedes E-Klasse aus den späten 90er Jahren an uns vorbei, und schneidet kurz vor dem Grenzbeamten wieder in die Spur. Man kennt sich und lacht. Es war wohl der Bürgermeister. Oder sein Bruder.

Jetzt aber.

Der albanische Grenzbeamte schwitzt und raucht ellenlange Slim-Zigaretten.

Man begutachtet uns. Blickt kritisch auf die Ladefläche unseres Pick-Ups. 

Asche fällt auf den Bauch des Beamten, und er beginnt zu lächeln. 

"Good luck", hören wir ihn wünschen. Der Stempel saust hernieder, und drinnen sind wir.

Albanien, wir kommen!


Ausgewaschener Canyon vor der Westrampe des Theth-Passes.
Ausgewaschener Canyon vor der Westrampe des Theth-Passes.

Man merkt recht schnell, dass man jetzt den Westen verlassen hat.

Verkehrsregeln gelten nicht mehr. Man fährt ohne Kennzeichen und überholt in dritter Spur. Alte Lastkraftwagen aus dem Deutschland der 50er, transportieren überhöhte Ladungen mit schlafenden Menschen auf deren luftiger Spitze.

Esel und Kühe am Straßenrand. Dazwischen spielende Kinder, und Müll. Jede Menge Müll. Mehr Müll, als man jemals erwartet hätte.

Als Kontrast dazu, die nahen Ausläufer der albanischen Alpen. Hoch oben, in den schroffen Kalkfelsen glitzert noch der Schnee des vergangen Winters. Und man erkennt schon von weitem, welch unglaubliche Natur sich bald noch zeigen wird.

Wir biegen von der Straße nach Shkodra ab.

Es geht nach Norden. Zur Westrampe des Theth-Passes.

Wir sind gekommen, um jenen legendären Gebirgspass endlich einmal persönlich unter die Räder zunehmen.

In einschlägigen Foren weltweit, wird er als eines der letzten wahren Abenteuer beschrieben. Egal ob für Offroad-Enthusiasten auf 2 oder 4 Rädern. Der Theth ist ein Muss auf jeder "Bucket-List".

Aber noch, wissen wir nicht warum.


Dorf an der Westrampe des Theth.
Dorf an der Westrampe des Theth.
Noch wenig Abenteuer. Die jetzt "leider" asphaltierte Westrampe des Theth-Passes.
Noch wenig Abenteuer. Die jetzt "leider" asphaltierte Westrampe des Theth-Passes.

Wir halten unsere Mittagspause in einem ausgespülten Canyon ab, den die hier zusammenfließenden Gebirgsbäche über Jahrtausende hinweg aus dem sandigen Boden gewaschen haben. Die plötzliche Ruhe und saubere Luft, lassen uns endlich aufatmen. Haushohe Höhlen und Spalten überraschen den Reisenden. Die Vegetation ist dicht. In der Nähe grasen Ziegen.

Dann die erste große Überraschung. Die Westrampe des Theth ist vor kurzem asphaltiert worden. Hinweisschilder der EU, sowie neue Hochglanz-Informationstafeln über den ansässigen Nationalpark dämpfen des Charakter des aufziehenden Abenteuers schon sehr.

Überall neue Mülleimer. Nur sind sie leer. Der Müll liegt daneben, und wird vom stärker werdenden Wind zu Tal getrieben. Die Entsorgungsprobleme lösen sich hier von alleine.


Passhöhe des Theth. Und gleichzeitiges Ende der Ausbaustrecke.
Passhöhe des Theth. Und gleichzeitiges Ende der Ausbaustrecke.

Auf der Passhöhe angekommen, erscheint das erhoffte Abenteuer wieder in greifbarer Nähe.

Der Asphalt geht unvermittelt in Schotter über, und die gerade eben noch zweispurige Straße, verengt sich auf der Ostrampe zu einem löchrigen Karrenweg.

Langsam tasten wir uns vor. Rechterhand geht es mehr als 500 Meter den Abhang hinab. Die Schultern sind unbefestigt, Sicherungen fehlen komplett. Dafür ist die Aussicht famos. Vor uns breitet sich der Gebirgszug der albanischen Alpen, wie ein langgezogenes Band aus. Tief unter uns, sehen wir das nur spärlich besiedelte Tal des Theth-Flusses. 

Unsere Herzen schlagen höher. Auch wegen des nun ankommenden Gegenverkehrs.

Eine Mercedes-T1-Pritsche steht uns gegenüber. Wir versuchen zu passieren, und fahren an die Schulter. 

Wildes gestikulieren des Einheimischen. Es soll wohl "STOP, oder ihr segelt nach unten" bedeuten.

Es hilft nicht. Wir müssen fast einen Kilometer reversieren, um der Pritsche ihren rechtmäßigen Platz zu lassen.



Überhaupt ist die Ostrampe des Theth sehr stark befahren.

Da sind zuallererst die beliebten Taxi-Busse der Einheimischen. Allesamt umgebaute Mecedes-Transporter-Modelle der späten 70er und 80er Jahre. Starrachsen und Blattfedern vorne und hinten.

Besetzt mit dutzenden Personen, vom Neugeborenen bis zum Methusalem, erklimmen die tapferen Bergziegen jede Steigung.

Da ist aber auch der ansässige Geschäftsmann, mit seinem Gold lackierten Porsche Cayenne, und den niederquerschnittbereiften 21-Zöllern, der uns lustig telefonierend, mit einem Regen aus Steinen bedeckt.

Und ein junges Paar mit einem kleinen Mietwagen-Fiesta, denen auf der Hälfte der Rampe das Auto aufgesessen, und der rechte Vorderreifen geplatzt ist.

Der Theth bietet für alle die notwendige Portion Abenteuer. Und es scheint, als wäre diese Straße, die einzig fahrbare Verbindung in das Tal hinein, und auch wieder heraus.


Eine der berühmten Mercedes-Hochgebirgsziegen. Technik für Generationen.
Eine der berühmten Mercedes-Hochgebirgsziegen. Technik für Generationen.

Am Talboden angekommen, empfängt uns die eigentliche Siedlung mit dem Namen "Theth" sehr gemächlich. Es ist Vorsaison. Wenn man in diesem hintersten Winkel Albaniens überhaupt von Saison sprechen kann. War der Weg bis hierher ein steiniger, von Bächen durchsetzter, aber fahrbarer, so finden sich hier unten, in der Nähe des Flusses nur noch zu erahnende Schotterpisten. Wohin man auch blickt, wird gebaut. Hier ein Hostel, dort eine Pension, da eine Öko-Hotel. Und überall Jugend! 

Man spürt den Geist des Aufbruchs, und der wirtschaftlich positiven Zukunft, an allen Ecken. Jeder der laufen kann, packt mit an. Schichtet Ziegel, spaltet Holz, oder mischt Beton. Man harrt einer touristischen Blütezeit, die am Horizont bereits zu erahnen ist.

Fasziniert blicken wir in die glücklichen Gesichter. Man grüßt uns. Winkt uns zu. Hier glaubt man noch an die Versprechen einer besseren Zukunft. 

Mehr als 30 Jahre nach dem Tod Enver Hoxhas, der Albanien fast 40 Jahre nach Außen hin abschottete, und nach Innen zu einer Festung ausbaute, will die albanische Jugend teilhaben, am schon lange versprochenen Wohlstand. Wenn es auch die Verantwortungsträger in Tirana nicht schaffen, mit ihren eigenen Händen tun sie es allemal.


Kaffeestop im Dorf Theth. Eine Gruppe slowakischer Biker hat sich ebenfalls eingefunden.
Kaffeestop im Dorf Theth. Eine Gruppe slowakischer Biker hat sich ebenfalls eingefunden.

Wir halten an einer neu gebauten Pension. Der Besitzer, ein junger Albaner, der ein wenig Englisch spricht, empfängt uns offenherzig.

Schon nach kurzem sitzen wir unter blühenden Apfelbäumen in seinem Gastgarten, und schlürfen den besten Kaffee der Welt. Es ist türkischer, und so dick, dass man den Löffel hineinstellen kann, ohne dass er zur Seite kippt. Yummy!

Wir fragen nach Bier. Man bedeutet uns kurz zu warten, und wir denken, man holt es aus dem Keller. Doch kurz darauf, verschwindet unser Wirt auf seinem Moped, und ward für 45 Minuten nicht mehr gesehen.

Als er schließlich wiederkehrt, wissen wir was geschehen ist. Unter dem Lenker, und zwischen seinen Beinen, steht ein Kasten "Tirana Extra", und kaum dass er in den Garten gepoltert kommt, schenkt er uns schon eiskalt ein.

Man musste zum weit entfernten Nachbarn fahren, um Bier zu holen.

Wir schämen uns ein wenig, und sind doch mehr als verwundert und dankbar, wie unglaublich motiviert man hier ist.

Der Gast als König - in Theth keine leere Floskel.


Archaische Landschaften im Theth-Valley.
Archaische Landschaften im Theth-Valley.

Wir machen uns auf den Weg, um unser Nachtlager zu suchen. Nach einem halben Kilometer endet der Saumpfad, und wir müssen den Fluss queren. Er führt Schmelzwasser, und ist tiefer als erwartet. Als das Wasser kurz über die Motorhaube des ISUZU, und dann gegen die Windschutzscheibe schlägt, geht ein Raunen durch den Wagen. Trotz Untersetzung und durchgedrücktem Gaspedal gelingt es uns nur schleppend, der Strömung zu entkommen. Auf der anderen Seite ist wieder ein Weg zu sehen, doch ist er noch felsdurchsetzter, und noch schmaler, als der bisherige. 

Wir nennen sie ab jetzt: Die "Road Of Stones".

Wir kämpfen mit der Navigation. Die Technik will uns wieder über den Pass zurück führen, verweigert uns die Route durch das Tal des "Lumi i Shales" nach Süden.

Wir fahren trotzdem, und finden noch in der Dämmerung den schönsten Schlafplatz unserer Reise.


Vietnam und Kambodscha im Tal des "Lumi i Shales".
Vietnam und Kambodscha im Tal des "Lumi i Shales".

Der Abend ist herrlich. Nach kurzem Regen, leuchten die uns umgebenden Felsen in strahlendem gelb, und tiefem violett. Nur der nahe, in seiner Klarheit ganz und gar transparente Fluss ist zu hören.

Wir stehen auf einer herb duftenden Wiese. Kein künstliches Licht, kein Mensch, kein Müll.

Naturerleben in seiner Reinform.

Die Landschaft erinnert uns an die überwucherten Felsgebiete Vietnams, oder Kambodschas.

Wir machen Feuer. Trinken Wein, und sind einfach nur glücklich. 

Momente wie dieser, bringen uns immer wieder an den Punkt, von neuem aufzubrechen. Weiter zu suchen. Nach eben diesen Sekunden, Minuten und Stunden, in denen man nichts sein muss, aber alles sein darf.

Die Essenz des Reisens.


Weite Landschaft. Wenig Menschen.
Weite Landschaft. Wenig Menschen.
Der "Lumi i Shales".
Der "Lumi i Shales".
Albanien in seiner Reinform - ein noch unbekannter Garten Eden.
Albanien in seiner Reinform - ein noch unbekannter Garten Eden.

Früh morgens brechen wir wieder auf. Die Satellitenkarten versprechen einen langen Tag. Wie lange er wird, ist uns hier noch nicht bewusst. 

Der Weg folgt beständig dem Fluss, manchmal nahe am Talboden, manchmal mäandert er hinauf in die Hänge, überquert Schultern, und fällt wieder steil hinab. Im Prinzip ist es einfach erklärt. Man nehme eine endlose Aneinanderreihung von Schlaglöchern, spitzen Felsen und Rinnsalen, garniere alles mit Steinschlaggefahr und Schlamm, streue noch ein paar gebrochene Wasserrohre und löchrige Brücken darüber, und fertig sind fast 40 Kilometer feinster Offroadspaß.

Uns kostet diese überschaubare Strecke geschlagene 8 Stunden, einige Bandscheiben, und dem D-Max 5 Jahre seiner Lebenszeit. 

Aber was wir auf dieser Strecke gewinnen, ist unendlich viel wertvoller. 

Wir gewinnen Einsicht. Viel Einsicht.

Die Einsicht, dass ein kleines, unbekanntes Balkanland so viel Zauber und Magie seiner unberührten Natur in sich hat, dass einem Hören und Sehen vergehen kann. Dass der hier lebende Albaner wenig hat, aber viel ist. Nämlich gastfreundlich, zuvorkommend und stets positiv gestimmt. Offroad auch mal auf die Nerven gehen kann. Mercedes-Hochgebirgsziegen prinzipiell härter im Nehmen sind als hart geglaubte Geländefahrzeuge.

Und Zeit in diesem Land grundsätzlich eine andere Bedeutung hat, als bei uns. 

Man hat sie einfach. Punkt.


Die "Road Of Stones".
Die "Road Of Stones".

Der Tag verrinnt. Die Straße endet nicht.

In gewissen Abständen müssen wir halten, und den Taxi-Bussen platz machen. Es ist uns ein Rätsel, wie die Fahrer samt Passagieren und Ladung mit solcher Geschwindigkeit fahren können. Man hupt. Bedankt sich. Und verschwindet in einer Staubfahne.

Wir müssen darauf achten, dass die Schläge der Straße die Airbags nicht auslösen, und die Inneneinrichtung heil bleibt.

Schöne neue Welt.


Der wilde Balkan.
Der wilde Balkan.
Und sein Steinschlag.
Und sein Steinschlag.

Das Tal wird weiter, die Straße etwas besser. Immerhin kann man jetzt teilweise bereits den 2. Gang einlegen. 

Immer noch zieht eine atemberaubende Landschaft vor unseren Fenstern vorbei. Weite Blicke. Es geht zum späten Nachmittag hin. Und wir leiden an schmerzenden Gesäßen. 

Plötzlich erblicken wir eine Bar am Straßenrand. Wir hoffen auf kühles Bier und ein wenig Entspannung. 

Doch ein näherer Blick offenbart kurioses.

Keine Türen, keine Fenster, keine Menschen. Nur tausende von leeren Getränkedosen stapeln sich im Gästebereich vor dem Eingang.

Dann doch noch lieber ein paar Kilometer fahren, denkt man still.


Die Bar der leeren Dosen.
Die Bar der leeren Dosen.

Am Ende gibt er uns aber frei, der "Lumi i Shales". Er hat uns arg gebeutelt, und reich beschenkt.

Je näher wir der "Zivilisation" kommen, desto höher werden die Müllberge am Straßenrand.

Die eben noch passierte Bar, war sozusagen der Außenposten der "westlichen" Müllgesellschaft.

Noch ein kurzer Canyon, dann endet unvermittelt das Schotterband, und der Asphalt hat uns wieder. Noch nie waren wir so froh, eine Offroad-Piste verlassen zu können!

Erschöpft aber glücklich halten wir auf die Stadt Shkodra zu. 


Der letzte Canyon vor Shkodra.
Der letzte Canyon vor Shkodra.

Kurz bevor uns die Stadt umschließt, essen wir noch vorzüglich zu Abend.

3 Personen zahlen für 3 Gänge mit Beilagen und reichlich Getränken nicht mehr als einen sehr niedrigen 2-stelligen Eurobetrag.

Und nochmals umsorgt man uns mit aufrichtigem Interesse, und Freude.

Fragt stets nach, und ist ehrlich bemüht, dem Gast ein einzigartiges Erlebnis zu verschaffen.

Einen Mitteleuropäer hinterlässt solche Gastfreundschaft manchmal ratlos.

Man ist es einfach nicht mehr gewöhnt.

Und müssten wir ein launiges Abschlussresümee zu dieser Reise ziehen, welches jenes, so faszinierende Land in einen Satz fassen kann, dann wären wir versucht, folgendes zum Besten zu geben:

Kommen Sie nach Albanien - Ein Flecken Erde, auf dem sich jeder wie der Bürgermeister eines ganzen Landes fühlen darf!

Es war sehr schön! Es hat uns sehr gefreut!

Euer Team von LittleBigAdventures.net


Unglaubliches Albanien!
Unglaubliches Albanien!