Montenegro - Österreichische Militärstraßen zwischen Himmel und Meer

Als die habsburgische Admiralität im Jahre 1797 die bisher unter Herrschaft der Venezianer stehenden Kriegshäfen von Castelnuovo (Herceg Novi), und Cattaro (Kotor) in ihren Besitz nahm, fand man wenige Kilometer hinter den mit Pinien und Zypressen gesäumten Kieselstränden nicht viel mehr, als einige verstreute Bauernhöfe, deren Bewohner, mit viel Schweiß und Muskelkraft, den vereinzelt im Karst liegenden Polje (urbare Grasflächen) eine magere Ernte, und ihrem Vieh, eine mindest ebenso magere Milch abrungen.

Wasser, soweit vorhanden, wurde oftmals über weite Strecken mit Eseln herangebracht, und die Sonne der Sommermonate ließ die Erde bereits wieder stauben, noch ehe der letzte Tropfen versickert war.

Lebten die Bocchesen (Bewohner der Bucht von Kotor und darüber hinaus) gut und gerne vom reichhaltigen Fischfang, so blieb den Bauern im steinigen Hinterland, oftmals kaum genug zum Überleben.


Der Weiler Krusevice - Startpunkt unserer Reise über den Orjensattel.
Der Weiler Krusevice - Startpunkt unserer Reise über den Orjensattel.

Umso interessanter ist es, dass in den kommenden Jahrzehnten, gerade dieser, fast unzugängliche Teil Montenegros, sowie der direkt anschließenden Herzegowina, mit einem Netz aus Forten, Geschützterrassen, Kasernen, und Militärstraßen durchzogen, und Ende des 19. Jahrhunderts gar von Kronprinz Rudolf persönlich in Augenschein genommen wurde.

Alles nur wegen ein paar ärmlichen Bauern, und einem Landstrich, dessen Reichtum einzig und allein in einem Übermaß an Steinen bestand?

Weit gefehlt! Die habsburgische Doktrin der Eroberung von Kronländern, und die Eingliederung ihrer "wilden" Untertanen in die "aufgeklärte" Monarchie schritt in diesen Jahren stetig voran, und machte es über kurz oder lang wohl unumgänglich, die neu eroberten Reichsgrenzen zu befestigen, und zu verteidigen. Nicht nur gegen die Osmanen, einige nationalistische Aufwiegler und Störenfriede, nein, auch gegen die vielen zähen Bauern des Krivosije (Gebirgsplateau ober der Bucht von Kotor), und der einzelnen Polje, welche sich nicht einfach damit abfinden wollten, dass ihnen das unendlich weit entfernte Wien, plötzlich den Stempel eines anderen Landes aufdrücken wollte.


Equipment-Check am Beginn der Strecke.
Equipment-Check am Beginn der Strecke.

Eine dieser unzähligen, mit reiner Muskelkraft in den Berg gehauenen Straßen, ist der sogenannte Kordonsweg über den Orjen-Sattel in das benachbarte Grahovo-Tal, welches bereits Teil des oben genannten Krivosije-Plateaus ist. 

Das Wort "Kordon" steht für einen in die Länge gezogenen Festungsring, und ja, dieser Ring zieht sich noch heute weit über die Grenzen Montenegros bis in die kargen Gebirgstäler Bosniens fort. 

Die Straße nimmt ihren abenteuerlichen Ausgang im Weiler Krusevice, wo man die Kunst der ansässigen Bauern bewundern kann, einem gar unfruchtbaren Stück Land, die denkbar süßesten Früchte abzugewinnen.

Das Polje wird gen Norden von einer unüberwindlich scheinenden Wand aus Fels begrenzt, doch führt schon hier eine wagemutige Serpentinenstraße weiter Richtung Vrbanje, welches den nächsten Wegpunkt in Richtung Sattel markiert.

Hinter Vrbanje wird der bisher noch asphaltierte Weg zu Schotter, und eine lange Staubfahne zieht sich hinter unseren Fahrzeugen her.

Wir tauchen ein in dichten Buchenwald, der Staub legt sich, und der Schotter wird zu markantem, spitzen Karstgestein, das die Fahrwerke und Reifen der Fahrzeuge auf's Ärgste malträtiert.

Mit geschätzten 15 km/h gieren wir bergan.


Die Vegetation erinnert durch Verwitterung und Waldbrände an einen magischen Wald.
Die Vegetation erinnert durch Verwitterung und Waldbrände an einen magischen Wald.
Die händisch aufgeschichteten Trockenmauern leiden an massiver Altersschwäche.
Die händisch aufgeschichteten Trockenmauern leiden an massiver Altersschwäche.
Teile der Straße beginnen bereits einzustürzen.
Teile der Straße beginnen bereits einzustürzen.

Ein improvisiertes Schild warnt den aufmerksamen Fahrer vor einem Befahren der Straße mit Fahrzeugen über 2.5 Tonnen. Leider wiegen wir mit voller Beladung etwas mehr.

Natürlich fahren wir weiter.

Schon bald kennt unser Staunen keine Grenzen mehr. Über ausladende Serpentinen erklimmt der Weg, wie mit einem Zirkel geplant, die zerklüfteten Felswände des Orjen-Massives. Die Steigung beträgt stets nur wenige Prozent. Schließlich mussten Pferde und Maultiere die schweren Geschütze zur Passhöhe bringen, ohne dabei die Hufe zu strecken. Der Zustand wird im oberen Teil zusehends schlechter. Immer wieder sind Teilbereiche der mutig aufragenden Trockenmauern bereits eingestürzt. 

Trotzdem ist es verwunderlich, dass fast 150 Jahre nach ihrem Bau, und ohne Unterhaltsmaßnahmen, die Straße dem endgültigen Verfall immer noch Widerstand leistet. Man mag es ob der trockenen Vegetation nicht vermuten, doch liegt in den Wintermonaten hier oben oftmals meterhoch Schnee, gehört doch der Gebirgsstock des Orjen gerade in der kalten Jahreszeit, zu den niederschlagsreichsten Gebieten ganz Europas. Wovon der Einheimische kaum profitiert, versickert doch jeder einzelne Tropfen umgehend im porösen Karstgestein. Und doch klemmt sich diese ingenieurstechnische Meisterleistung immer noch gegen die brüchigen Felswände. Trotzt der Bora und den Winterstürmen.


Dinarisches Wunderland.
Dinarisches Wunderland.
Das letzte Stück des Weges, von der Passhöhe gen Nordwesten gesehen.
Das letzte Stück des Weges, von der Passhöhe gen Nordwesten gesehen.

Mit Gegenverkehr ist trotz der einsamen Lage immer zu rechnen. Der ansässige Alpenverein aus Herceg-Novi, sowie autochthone Offroad-Enthusiasten mit ihren Lada Taigas, und Fiat Campagnolas nutzen die Straße gerne, für Wochenendausflüge zur Passhöhe.

Kurz vor dem Orjen-Sattel verläuft die Straße dann entlang einer ausgeprägten Schulter, die bereits jetzt den Ausblick auf die Orjen-Berghütte des eben erwähnten Alpenvereins "Planinarski Klub Subra" frei gibt. 

Der Klub betreibt einige Hütten im Orjen Massiv, wobei die Unterkünfte in der Regel nicht bewirtschaftet werden, und hauptsächlich den Vereinsmitgliedern zur Verfügung stehen. Man ist sich seiner gemeinsamen Vergangenheit mit den Österreichern immer noch bewusst, und so kann es schon vorkommen, dass man Aufgrund seiner Kennzeichen angehalten, und freundlich darauf hingewiesen wird, man befahre eben altes österreichisches Kulturgut.


Der Orjensattel mit der Schutzhütte und dem Orjenska-Lokva - dem Orjen-Teich.
Der Orjensattel mit der Schutzhütte und dem Orjenska-Lokva - dem Orjen-Teich.

Der Sattel selbst, ist abgesehen von der Hütte ein landschaftliches Kleinod. Eine Terrasse oberhalb des Teiches lädt den Reisenden zum Übernachten ein. Man stellt den Motor ab, steigt aus, und hört erst mal gar nichts. Stille die wehtut. Der Duft der umstehenden Schwarzkiefern umhüllt einen wie ein samtenes Tuch, und der erdige Geruch der Almwiesen mit ihren unzähligen Kräutern, verschlägt einen sofort zurück in die heilen Tage der Kindheit. Dazu die Aussicht. Blickt man nach Westen zu über den See, so blitzen am Horizont die Adria, und die Umrisse der südlichsten kroatischen Inseln auf. Nach Sonnenuntergang taucht ein Mantel aus unendlichen rot-violett und blau Schattierungen die Szene in ein Gefühl von Ewigkeit. 

Kein künstliches Licht, egal wohin man sein ungläubiges Auge richtet. 


Der Blick folgt den vorgelagerten Gipfeln bis hinunter zum Wasser der Adria.
Der Blick folgt den vorgelagerten Gipfeln bis hinunter zum Wasser der Adria.

Blickt man umher, findet man unzählige Erinnerungen an die stationierten Truppen von damals. Da ist die alte Zisterne am Teich. Ihr ehemals riemenbetriebenes Pumpenrad läuft immer noch so rund wie damals. Gepflasterte Geschützwege führen in die umliegenden Tiefen. Alte Mauern und Gräben wohin man auch geht.

Am Abend kommen die Kühe, die tagsüber Schutz in den schattigen Kiefernwäldern gesucht haben. Man treibt wohl Viehwirtschaft hier oben.

Eine Versetzung des Lagers ist angebracht.

Wir steuern unsere Fahrzeuge nach Osten in Richtung des Grahovo Tals. Nach 200 Metern ist aber vorerst Schluss. Hier hat sich der Balkan geholt, was dem Balkan gehört. Sein Gestein.


Motorrad vielleicht, Pick-Up definitiv nein. Eine Grabenbrücke ist hier der Schwerkraft erlegen.
Motorrad vielleicht, Pick-Up definitiv nein. Eine Grabenbrücke ist hier der Schwerkraft erlegen.

Die Einheimischen waren aber nicht untätig, und so finden wir einige Meter vor der unpassierbaren Stelle eine provisorische Geröllrampe, welche uns einige Meter tiefer auf einen kleinen Geschützweg führt. Dieser ist aber recht schmal und grob behauen, sowie an einigen Stellen selbst schon einsturzgefährdet, und so geht es hier erstmal im Schritttempo, sowie mit vielen Handzeichen der Beifahrer weiter bergab.


Umleitung für Schwerfahrzeuge.
Umleitung für Schwerfahrzeuge.
Geschützbreite - nicht Kingsize.
Geschützbreite - nicht Kingsize.

Endlich finden wir am Ende der Ausweichstrecke einen breiten Lagerplatz auf dem alten Kordonsweg. 

Wir positionieren die Fahrzeuge, schlagen unser Lager auf, und entzünden die Öllampen. 

Viel geht uns an diesem Abend noch durch den Kopf. Der montenegrinische Rotwein hilft uns dabei, einige Dinge klarer zu sehen.

Wir sprechen über Krieg und Frieden. Besatzer und Besetzte. Ideen die ursprünglich vielleicht gut gemeint, aber am Ende schlecht umgesetzt wurden. 

Hier, am südlichen Ende des großen Habsburger Reiches, über 1000 Kilometer von den Frontlinien in den Karnischen Alpen und den Dolomiten entfernt, lebten und starben Menschen verschiedenster Nationen für den weit entfernten Kaiser im großen Wien.

Wofür? Für eine Idee? Für Ruhm? Für die Ehre?

Wie übrig ist dies doch alles.

Und während der herbe Wein des Südens noch weiter in den Tiefen der Eingeweide versickert, mag es einem schon vorkommen, als höre man die genagelten Sohlen der Soldaten, und die Hufe der Pferde auf dem scharfen Karstgestein dahin schleifen.

Die Karawane zieht zur Front.

Immer und immer wieder.


Nachtlager am Kordonsweg.
Nachtlager am Kordonsweg.
Crna Gora- die Schwarzen Berge
Crna Gora- die Schwarzen Berge