Monte Scinauz - Die geheime Radarbasis in den Alpen

Dass wir uns selbst, und unsere gewählten Abenteuer nicht immer allzu ernst nehmen, beweist sich spätestens in diesem Moment.

Vor uns verliert sich der bis dahin noch erkennbare Steig in den Felsen über uns. Wohin man auch blickt, nur loses Gestein und vereinzelte Grasbüschel, welche schon bei dem Gedanken, sich an ihnen festhalten zu wollen, aus dem bröckligen Kalkgestein fliehen. Bis hierher war es noch gegangen. Unser Alpinpionier Michael, hatte uns ohne größere Unterbrechungen bis auf jenes kleine Karstplateau gebracht, wo wir jetzt Maulaffen feil hielten.

Vor nicht ganz 3 Stunden, hatten wir an diesem schönen Junimorgen, die Garnitzenalm, in der Nähe des oberkärntner Nassfelds verlassen, und waren über die Kronalm, die Grenze zu Italien, sowie die magisch einsam gelegene Malga Biffil, zum Einstieg des Jägersteiges auf den Monte Scinauz vorgerückt.


Blick von der Kronalm zum Gipfelplateau des Monte Scinauz - 1.999 m
Blick von der Kronalm zum Gipfelplateau des Monte Scinauz - 1.999 m

Bestand der Weg bis zu diesem Punkt nur aus leichtem, manchmal etwas morastigem Gelände, so zeigte uns die Nordfront des Monte Scinauz nun, was von einem geheim gehaltenen Gipfel, in den militärstrategischen Büchern der NATO zu erwarten war.

Ausgesetzt und schwer zu nehmen, trifft es, um entfernt im Fachjargon zu bleiben, wohl am ehesten.

Gleich hinter der im Sommer zur Viehhaltung genutzten Malga Biffil, beginnt der nahezu unsichtbare Jägersteig in einem lichten Lärchenwald nach Süden zu.

Schon bald sind einige Sand-, und Geröllgräben zu queren, der Weg ist hier maximal Fußbreit, und rutscht des öfteren unter den Tritten weg. Erst unter der Schulter des Nebengipfels trassiert er nach Westen, und erreicht nach kurzem Anstieg ein Karstplateau, mit einem kleinen Wasserlauf.


Unbewirtschaftete Schutzhütte auf der Malga Biffil.
Unbewirtschaftete Schutzhütte auf der Malga Biffil.
Blick von der weitläufigen Malga Biffil zum abgeflachten Gipfel des Monte Scinauz.
Blick von der weitläufigen Malga Biffil zum abgeflachten Gipfel des Monte Scinauz.

Endlich finden wir etwas weiter über uns, eine jener spärlich gesetzten dunkelblauen Markierungen, die den Aufstieg zum Gipfel anzeigen sollen. Jetzt wird es intensiv - zumindest für unerfahrene Kletterer. Nach dem letzten blauen Punkt, führt der nun nicht mehr vorhandene Steig, im SG 2 (UIAA-Skala) entlang einer Geröllrinne steil nach oben. Immer wieder lösen sich Griffe und Material. Man wünscht sich Kletterausrüstung und Helm. Hat aber nur semiprofessionelles Schuhwerk und eine Wollmütze zur Verfügung. Kurz bevor man die Abbruchkante des Gipfelplateaus erreicht, geht die Rinne in einen kurzen kaminähnlichen Teil über, der dem "Bezwinger des Monsters", noch mal alles abverlangt.

Zumindest fühlen sich einige Teilnehmer der Expedition so.

Michael, die Gemse, schaut über den Rand, und grinst den restlichen Touristen in der Wand fröhlich zu. 

Wer huflahm wird, dem macht der verbal Feuer unter dem Spiegel.

Wenig später stehen dann alle Mann glücklich auf dem Gipfel.

Das Bild, welches sich uns nun bietet, lohnt den Aufstieg allemal.


Blick über den Westgipfel in die Bergwelt der Julischen Alpen. In der Bildmitte war ursprünglich ein Teil des General Electric AN / FPS-88 Radars montiert.
Blick über den Westgipfel in die Bergwelt der Julischen Alpen. In der Bildmitte war ursprünglich ein Teil des General Electric AN / FPS-88 Radars montiert.
Blick nach Osten, über das maschinell eingeebnete Gipfelplateau des Monte Scinauz. Teile der ehemaligen Empfangseinrichtungen, sowie aktive Mobilfunk und Radioantennen finden sich überall verstreut.
Blick nach Osten, über das maschinell eingeebnete Gipfelplateau des Monte Scinauz. Teile der ehemaligen Empfangseinrichtungen, sowie aktive Mobilfunk und Radioantennen finden sich überall verstreut.

Wir alle glänzen wie die neuen Schillinge. Erfüllen wir uns hier doch einen lang gehegten Kindertraum. Denn schon dreißig Jahre zuvor, der eiserne Vorhang mit all seinen "Sicherheiten" war noch Teil unser aller Leben, blickten wir von der Autostrada A21, aus dem Kanaltal nahe Pontebba gen Himmel, und erblickten dort bei jeder Fahrt an die obere Adria, am Gipfel eines namenlosen Berges, das Geheimversteck des berüchtigten Dr. No.

Soweit zur Phantasie von Kindern.

Die Realität lehrt uns folgendes:

Am 14. August 1969, besteigt der Major der ungarischen Luftfahrt Jozsef Biro, seine in der Sonne glänzende MIG 15, türmt während einer abgehaltenen Luftwaffenübung schnurstracks über die Grenze des Ostblocks, und schrottet bereits kurz darauf, und nach glücklich überstandener Verfolgungsjagd durch Einsatzkräfte des Warschauer Paktes, seinen Russen-Jet in einem Acker, nahe dem friulanischen Osoppo.

Freilich war die NATO von der Tatsache überrascht, dass Feindflugzeuge völlig unerkannt in die oberitalienischen Täler eindringen konnten, und begannen bereits kurz darauf mit dem Bau einer Mittelstrecken-Radarbasis, auf dem höchsten Berg der Carnia, dem 1.999 Meter hohen Scinauz. (Welcher vor dem Planieren des Gipfels vermutlich noch höher war.)

Von 1972 bis 2001 in Betrieb, war sie die Heimat der 17. Radargruppe der italienischen Luftwaffe, und hörte auf den Rufnamen "Cedrone - Orso". (Auerhahn - Bär)

Das Herz der Basis wurde ein General Electric AN / FPS 88 Radar, welches die Ostflanke Italiens, und, schenkt man Berichten über die Radarverfolgung von Matthias Rust, welcher am 13. Mai 1987 mit seiner Cessna am Roten Platz in Moskau landete, glauben, den Luftraum des Warschauer Paktes, bin in den Ural hinein überwachen konnte.

 


Mannschaftsunterkunft sowie Sockel der Primär-Radar-Anlage.
Mannschaftsunterkunft sowie Sockel der Primär-Radar-Anlage.

Am Südfuße des Monte Scinauz, in Laglesie San Leopoldo, also am Grund des Kanaltales, bestand eine Versorgungsbasis, welche die Gipfelstation über eine 2861 Meter lange Seilbahn, mit der Außenwelt verband.

Dies war auch unbedingt notwendig, konnte doch die Basis sonst nur per Hubschrauber, oder erschwert zu Fuß erreicht werden. Der harte Winter in den Karnischen Alpen, sowie die hohen Windgeschwindigkeiten und Verwehungen führten auch dazu, dass die Bergstation der Seilbahn, durch einen wetterfesten Tunnel mit den Unterkünften und technischen Anlagen verbunden werden musste, da ansonsten ein zuverlässiger Betrieb der Anlage als nahezu ausgeschlossen gegolten hätte.


Wetterfester Tunnel zu den übrigen Anlagen.
Wetterfester Tunnel zu den übrigen Anlagen.
Blick in die Julier. Die technische Anlage wirkt deplatziert und aus der Zeit gefallen.
Blick in die Julier. Die technische Anlage wirkt deplatziert und aus der Zeit gefallen.
Materialseilbahn im Inneren des Tunnels.
Materialseilbahn im Inneren des Tunnels.

Die Türen zu den Mannschaftsunterkünften stehen offen. Wir gehen hinein, und ärgern uns ein weiteres Mal über unsere schlechte Vorbereitung. Es scheitert an technischen Hilfsmitteln zur ausreichenden Beleuchtung. Was wir im fahlen Licht unserer Smartphones sehen können, wirkt gespenstisch und surreal.

Da hängt ein großer Kalender von 2003 an der dunkel getäfelten Unterkunftswand. Mit großen roten Lettern wurde der 10. Oktober als Abrüstungsdatum markiert. "FINE" können wir dort lesen, und finden gleich daneben auf einem Tisch noch eine halbvolle Flasche Merlot, sowie vier Gläser, mit eingetrocknetem Inhalt.

Offenbar wurde die Station noch 2 weitere Jahre nach dem offiziellen Schluss am Leben erhalten, und am Ende doch fluchtartig verlassen. Das technische Lager ist noch voll bestückt. Überall finden sich Ersatzteile und Ersatzlampen für die Positionsbeleuchtung. Unterlagen und Lernmittel der Crew liegen auf den noch bezogenen Betten in den Zimmern, sowie kleine Erinnerungsfotos, und Poster mit unbekleideten Damen der 80er Jahre.

Eine schöne Zeit.


Frisch gestrichener Kopf der Gipfelstation. Will hier jemand tarnen und täuschen?
Frisch gestrichener Kopf der Gipfelstation. Will hier jemand tarnen und täuschen?
Bahn ohne Seil. Nur noch der Tragkorb schaukelt langsam im Wind, der die Gipfelstation umgarnt.
Bahn ohne Seil. Nur noch der Tragkorb schaukelt langsam im Wind, der die Gipfelstation umgarnt.
Blick hinunter in das Kanaltal. 1340 Meter musste die Seilbahn zum Gipfel überwinden.
Blick hinunter in das Kanaltal. 1340 Meter musste die Seilbahn zum Gipfel überwinden.

Wir lassen alles unberührt, und machen uns auf den Weg hinunter zur Gipfelstation der Seilbahn. Endlich können wir mit erwachsenen Augen sehen, was wir als Kinder immer bewundert haben. Den festungsgleichen Kopf der Anlage, der wie ein verruchtes Geheimlabor auf dem mächtigen Sockel seines Kalkfelsens sitzt. Aus der Nähe betrachtet entzaubert er unsere Kinderträume innerhalb von Sekunden. Gemsenkot durchzieht das zugige Loch der Bergstation. Überall riecht es noch nach Schmieröl und kaltem Metall, und traurig baumelt der Servicekorb der "Ohne-Seil-Bahn" in seiner endgültigen Ruheposition. 

Das ist es also, das geträumte Geheimlabor des Dr. No, und uns allen wäre es in diesem Moment lieber, wir hätten den Traum in jenem Licht belassen, in dessen Schein es die letzten 30 Jahre in unseren Köpfen überdauert hatte.

Da, ein letztes Aufbäumen der Phantasie. Wir finden in der Maschinistenkabine ein großes Telefon, und heben ab...

Keine Verbindung in den Kremel.

Irgendwie schade.


"Hallo? Herr Putin?"
"Hallo? Herr Putin?"

Es ist Zeit für den Abstieg.

Immerhin sollte man fast 5 Stunden für eine Richtung des Weges einplanen.

Wir rutschen auf unseren Hosenböden die Nordflanke des Monte Scinauz hinab, und denken dabei immer noch an das soeben Erlebte zurück.

Es ist schon ein wahres Abenteuer, einen ganzen Sommertag lang, alleine durch einen der letzten weißen Flecken unseres Kontinents zu streifen. Weitab von jeglichen ausgetretenen Pfaden und bekannten Punkten.

Nur wenige Menschen verirren sich in diese unzugängliche Grenzregion zwischen Österreich und Italien. Wir sahen an jenem Tag keinen anderen, auf unserer Route.

Ein kleiner Aufbruch in das Unbekannte. Das Menschenleere. Die Geschichte.

 

Ein wahres LITTLE BIG ADVENTURE eben.


Letzter Blick zurück, in der Abendsonne.
Letzter Blick zurück, in der Abendsonne.